Verschiedene Sichtweisen des Christentums
Ein Vorteil der Teilnahme an den RelevantBlogs ist für mich, daß ich mal wieder mit stramm evangelikaler Theologie konfrontiert werde. Manche von euch werden ja wissen, daß ich früher auch mal in einer Freikirche war und vor ein paar Jahren wieder in die Kirche eingetreten bin. Deshalb schließt ein Einblick in die freikirchliche Sicht des Christentums für mich auch immer eine Überprüfung meiner eigenen Glaubensinhalte mit ein.
Das fiel mir zuletzt besonders beim Artikel Was das Christentum nicht ist im KOW’s Blog auf, da er neben einigen Punkten, die auch Katholiken teilen können, ein gänzlich anderes Bild von dem was Kirche bedeutet wiederspiegelt, das ich allerdings auch mal genauso geglaubt habe. Inzwischen ziehe ich die katholische Definition von Kirche vor, trotzdem listet sich beim Lesen automatisch ein Inhaltsverzeichnis aus dem Katechismus in meinem Kopf auf um zu überprüfen, was ich selbst zu dem Thema glaube.
Genauso ging es mir beim Artikel Taufen und Segnen 3 von Simon de Vries, genaugenommen beim Lesen der Kommentare. Gerade das Thema Taufe ist ja zwischen traditionellen (wobei ich das lutheranische Taufverständnis mit einbeziehe) und evangelikalen Christen ein beständiger Streitpunkt, bei dem es wohl auch auf lange Sicht keine Einigung geben wird. Ohne jetzt auf Argumente für die Kindstaufe eingehen zu wollen fällt mir persönlich auf, wie weit sich die Evangelikalen vom Taufverständnis der überlieferten alten Kirche entfernt haben, wie sehr ihnen ein Verständnis für das Sakrament an sich abhanden gekommen ist und wie schade ich das finde, weil ihnen dadurch sehr viel verloren gegangen ist, denn ein fehlender Sinn für das Sakrament wirkt sich meiner Meinung nach auf alle Bereiche des Christseins aus.
Trotzdem kann ich es nur allen Katholiken empfehlen, sich mit den Glaubensinhalten anderer Christen auseinanderzusetzen, um seinen eigenen Glauben zu hinterfragen oder auch um festzustellen, daß man in einer anderen christlichen Gemeinschaft vielleicht besser aufgehoben wäre.
storch wrote:
das ist ja ein witziger zufall. ich habe gerade heute beim aufstehen darüber nachgedacht einen eintrag darüber zu schreiben, warum ich nicht (also GAR nicht) an sakramente glaube. vielleicht mache ich das wirklich mal. scheint ja schon ein spannendes thema zu sein über das man angeregt reden kann.
Posted 30 Okt 2006 at 8:58 am ¶
Sascha wrote:
Bin auch über relevantblogs auf deinen Blog gestossen, und finde echt interessante Inhalte bei dir. Ich bin in dem freikirchlichen / charismatischen Kreis aufgewachsen und versuche gerade mein Bild von Christentum über diese früheren Grenzen hinaus zu erweitern. Unter anderem finde ich gerade den katholischen Glauben sehr bereichernd und eine Fundgrube von Gutem… Deshalb werde ich deinen Blog weiter verfolgen!
Posted 30 Okt 2006 at 11:41 am ¶
Danny wrote:
Hallo Fono! Danke für dein Post, ich werde (hoffentlich) bald mehr auf meinem Blog dazu schreiben, als alter Baptist. Ich würde hier gerne ein oder zwei Ergänzungen hinzufügen, wenn ich darf:
“wie weit sich die Evangelikalen vom Taufverständnis der überlieferten alten Kirche entfernt haben”. Ja, da hast du Recht. Wir haben uns von vielen “Verständnissen” der alten Kirche entfernt und ich finde dies nicht nur gut, sondern auch notwendig. Deshalb die Reformation. Ein aktives Entfernen. Nicht böse und kämpferisch, sondern auf der Suche nach einer textgemäßen Antwort auf unsere theologischen Fragen. Semper reformanda!
“wie sehr ihnen ein Verständnis für das Sakrament an sich abhanden gekommen ist und wie schade ich das finde, weil ihnen dadurch sehr viel verloren gegangen ist”. Du benutzt Worte wie “abhanden gekommen” oder “verloren gegangen”. Das sind meiner Meinung nach unpassende Begriffe. Wir Freikirchler haben die sakramentalen Verständnisse der römisch-katholischen Kirche nicht verloren, sondern im vollen Bewusstsein abgelehnt. Wir Evangelikale sind nicht dumm. Die evangelikale Bewegung ist kein Produkt des Zufalls und “unsere Lehren” sind bewusst wohl durchdacht und das Produkt einer theologisch-historischen Entwicklung.
Posted 30 Okt 2006 at 6:03 pm ¶
sttn wrote:
Hallo Frank,
ist nicht immer falsch was die Evangelikalen sagen und es freut mich das ich umgekehrt so etwas auch immer öfters von evangelischer Seite höre.
Zum Taufen: Interessant ist was in der Didache steht. Die Didache ist ja eine Art Mini-Ur-Katechismus der frühen Christen, die ja sogar eine kurze Zeit mal Kanonisch war.
Und was fällt dort auf: Wichtig bei der Taufe ist das Fasten. Deshalb meine Frage mal: Welche christliche Gemeinschaft fastet heutzutage vor der Taufe? Mir ist keine bekannt.
Komisch, aber darüber sollte man sich dann schon mal unterhalten. Denn wenn das die Ur-Christen so getan haben, dann wird das wohl nicht ganz unwichtig gewesen sein, oder?
PS.: Von Kindstaufe und Erwachsenentaufe steht nichts drinnen. Das Alter scheint wohl unerheblich zu sein – Fasten, bzw. die Rolle der Taufpaten ist wohl wichtiger.
Posted 30 Okt 2006 at 9:13 pm ¶
francis wrote:
ich (als evangelikaler) bin zwar immer gegen eine tote verritualisierung der gottesbeziehung, aber nicht unbedingt gegen rituelle handlungen an sich.
im gegenteil: die jahre in freikirchen haben bei mir eines tages eine gewisse (teilweise) sehnsucht nach eben diesen festen formen geweckt, die ich in den landeskirchen früher als tot empfunden habe. jetzt erscheint mir manches davon sehr sinnvoll und gut und es stärkt meine beziehung zu jesus, und ich würde mir wünschen, wenn einige dinge in freikirchen wieder stärkeren anklang finden würden. ich will nicht immer schwäbisch-pietistische landeskirchen besuchen müssen, um starke geistliche formen erleben zu können. :)
Posted 30 Okt 2006 at 10:25 pm ¶
fono wrote:
@Danny
>wenn ich darf
Aber natürlich!
>nicht verloren, sondern im vollen Bewusstsein abgelehnt
Das ist mir bewußt und es war in keinster Weise so gemeint, daß Evangelikale dumm sind. Nur sind euch eben durch die gewollte Ablehnung aus meiner katholischen Sichtweise wertvolle Dinge abhanden gekommen. So war es gemeint.
>“unsere Lehren” sind bewusst wohl durchdacht und das Produkt einer theologisch-historischen Entwicklung
Bei allem Respekt ein klares Nein. Meiner Meinung nach kann man das nur bei den inzwischen traditionellen Freikirchen sagen, denen du als Baptist auch angehörst. Bei vielen neueren Bewegungen, einschließlich der der meine ehemalige Gemeinde angehört, kann man nicht immer von einer durchdachten Theologie sprechen. Das wird der Grund sein, warum sich manche Freikirchen seit 200 Jahren oder länger behaupten können und andere nur moderne Randerscheinungen bleiben werden.
@Stefan
>ist nicht immer falsch was die Evangelikalen sagen
Natürlich nicht und in manchen Punkten könnten sich sowohl katholische Christen als auch Gemeinden ein gehöriges Stück abschneiden.
>Fasten, bzw. die Rolle der Taufpaten ist wohl wichtiger
Ein Aspekt über den ich bisher noch nicht nachgedacht habe. Scheint mir aber bedenkenswert zu sein.
Posted 30 Okt 2006 at 10:26 pm ¶
fono wrote:
@francis
>bin zwar immer gegen eine tote verritualisierung der gottesbeziehung
Da stimme ich dir zu und das ist auch das Problem mit einer festen Liturgie: Ich muß ihre Bedeutung kennen. Aus der Sicht eines Freikirchlers sowie eines liturgisch Ungeübten kann eine katholische Messe bestimmt wie eine Mischung aus stupidem Aufstehen, Hinsetzen und Hinknien wirken (so ging es mir zumindest am Anfang). Der “Kick” kommte ja erst, wenn man verstanden hat, warum man dieses oder jenes während der Messe macht. Das zu vermitteln ist dann wieder Aufgabe der Gemeinde und in dieser Hinsicht haben die Katholiken in den letzten Jahrzehnten gehörig geschlampt.
Posted 30 Okt 2006 at 10:40 pm ¶
francis wrote:
“Das zu vermitteln ist dann wieder Aufgabe der Gemeinde und in dieser Hinsicht haben die Katholiken in den letzten Jahrzehnten gehörig geschlampt.”
nicht nur die katholiken.
Posted 31 Okt 2006 at 3:59 pm ¶